Text von Alke von Kruszynski

 

Free the Spine

Was bedeutet eine Scaravelli-inspirierte Herangehensweise an Yoga?

 

Das Intuitive Yoga nach Vanda Scaravelli ist insofern einzigartig, als dass es bei dieser Art zu Üben nicht darum geht, bestimmte Stellungen oder Positionen zu erreichen. Im Gegenteil: Das Bestreben, eine Asana oder Pose abbilden zu wollen, ist eher hinderlich, wenn man in der von Vanda beabsichtigten Weise üben möchte. Für sie war diese revolutionäre, von ihr entwickelte und gelehrt Herangehensweise im Wesentlichen eine Übung zur Befreiung des Körpers, um den Geist zu „befreien”.

 

Dieser Prozess kann erst beginnen, wenn jegliches Schieben und Ziehen aufhört. Die meisten von uns überfordert es bereits, diese Idee zu verstehen und umzusetzen. Viel zu sehr sind wir es gewohnt, jedes Ziel mit größter Willenskraft zu verfolgen. Dafür überanstrengen, verbiegen und verausgaben wir uns – nicht selten mit schlimmen Folgen. Weniger zu tun, weniger zu streben, um das zu erreichen, was wir wirklich von einer Yogapraxis brauchen: Diese Idee mag da fast kontra-intuitiv erscheinen. Und doch ist es genau das, was Vandas Ansatz von uns verlangt – so schwierig und frustrierend der Prozess des Umdenkens zuerst auch sein mag.

 

Der ,Scaravelli-inspirierte‘ Ansatz lädt dazu ein, der Versuchung zu widerstehen, den eigenen Körper in ,yogische‘ Positionen und Formen zu zwingen. Wem es darum geht, beim Yoga „eine gute Dehnung zu bekommen” oder “ordentlich auszupowern”, der sollte sich vielleicht fragen, was daran gut sein soll, so mit dem eigenen BodyMind zu arbeiten. Wo liegt der Benefit? Man könnte sich des Weiteren fragen, warum viele so ungern und selten zu Hause üben. Und möglicherweise freundet man sich dann mit der Idee an, dass es eine befriedigendere Art geben könnte, mit dem BodyMind zu arbeiten. Eine, bei der ein aufmerksam wahrgenommener Dialog zwischen Body und Mind entsteht. Eine, bei der man lernt, individuelle Bedürfnisse wirklich zu respektieren, und über die eine harmonische und wertfreie Verbindung entsteht.

 

Vanda Scaravellis Yogaansatz erfordert eine deutlich intelligentere, subtilere Form der Arbeit mit dem Körper. Sie kennt weder Schmerz noch Strafe, weder Aggression noch verbissenen Ehrgeiz. Sie verursacht weder Stress noch Schaden für den Körper, obwohl sie eine tiefgreifende Übungspraxis erfordert. Sie hat das Potenzial, sowohl den Körper als auch den Geist zufrieden zu stellen.

 

In gewisser Weise diesen dabei die Asanas als äußerst vielseitiges Rahmenwerk, mit dessen Hilfe man die Fähigkeit kultiviert, den Körper zu beobachten. Man wartet, statt zu halten, wartet, beobachtet und löst überflüssige Spannungen; man wartet, überlässt sich vertrauensvoll der Schwerkraft, wartet, widersteht der Versuchung, sich zu versteifen – und erkennt zusehends klarer, was während der Asana-Entfaltung im eigenen Körper passiert. Man lernt, geduldig zu sein – sehr geduldig. Man lernt, ruhig zu sein – so ruhig, dass man auf das hört, was in einem selbst ist (was immer das auch sein mag). Man lässt Dinge geschehen und lernt, wie man aufhört, Dinge zu verhindern.

 

Zum Beispiel muss man nichts Besonderes tun, um Schwerkraft zu spüren. Sondern man lernt, die Schwerkraft auf sich wirken und für sich arbeiten zu lassen. Und während man zunächst noch keine Ahnung hat, was das bedeutet, wird man zusehends neugieriger, was es bedeuten könnte. Man freut sich über kleine Momente, in denen Worte plötzlich eine körperliche Resonanz erfahren. Das Intuitive Yoga nach Vanda Scaravelli benötigt Vertrauen in diesen Prozess – denn diese Übungspraxis verlangt das Einlassen auf Unbekanntes, Ungewohntes. Je phantasievoller, experimentierfreudiger und kreativer man sich diesem Unbekannten nähert, desto erfüllender ist der Prozess. Man kann sich dieser Yogapraxis wie ein Künstler oder ein Musiker nähern, in der Gewissheit, dass sie sowohl grundlegend als auch komplex, tiefgründig und doch einfach ist. Daher sollte man sich auch gestatten, sowohl die Urteile anderer als auch die eigenen Urteile in Frage zu stellen. Es spricht nicht dagegen, dabei ein wenig exzentrisch, eigensinnig oder slightly crazy zu werden.

 

Props sind Nebensache bis unnötig. Arbeitet man mit der Schwerkraft und dem Atem, hat man bereits (fast) jede Unterstützung für das Üben. So, wie der Boden und der Sauerstoff für alle anderen Tiere, Pflanzen und Bäume genug sind. Wir sind nicht wirklich anders, wenn es um unsere Körperlichkeit und unsere Reaktion auf die Schwerkraft geht. Allerdings haben wir viel von dieser Verbundenheit verloren. Wir sitzen täglich stundenlang vor einem Bildschirm, tragen unbequeme und beengende Schuhe und Kleidung, bewegen uns zu wenig, unsere Atmung ist oft flach und daher deutlich weniger gesunderhaltend, als sie es sein könnte. Statt mit der Schwerkraft im Kontakt zu sein, wie es Kleinkinder sind, haben wir uns angewöhnt, den Körper zu „halten“ – und leben somit unter dauerhafter Anspannung. Das ist für uns so normal, dass wir uns dieser Tatsache nicht einmal mehr bewusst sind; wir merken kaum mehr, dass wir es „tun“.

 

Durch unsere Art zu leben sind wir zu perfekten Kerkermeistern unserer Wirbelsäule geworden; ohne es zu wissen, meist ohne es zu spüren. Die vielen Muskeln, Bänder und Sehnen, die die Wirbelsäule umgeben, sind häufig zusammengedrückt, so verspannt, fest und starr, dass sie unweigerlich jede freie Bewegung dieser wichtigen Lebensader verhindern.

 

Die Aufgabe in der Intuitiven Yogapraxis besteht daher zuerst in einer Bewusstwerdung, mit welchen Spannungen wir leben, um anschließend den langen Prozess des Loslassens zu beginnen. Denn die Wirbelsäule sollte leicht, frei und beweglich sein. Hören wir auf zu Halten und bewegen uns irgendwann wieder aus einer befreiten Wirbelsäule heraus im dauerhaftem Kontakt mit der Schwerkraft, kommen wir zurück zum zutiefst befriedigenden Kontakt mit der Erde, vom Fuß bis zur Spitze der Wirbelsäule und darüber hinaus. Die intuitive Yogapraxis schafft so neue Bedingungen für den gesamten Körper, die Trennung von der Verbundenheit umzukehren.

 

Mithilfe der Schwerkraft können wir so arbeiten, dass jegliche Spannung rund um die Wirbelsäule gelöst und abgebaut wird. Geben wir unserer Wirbelsäule so viel Raum, wie sie braucht. Dann erleben wir, dass man (also unsere Geist) sie nicht in bestimmte Bewegung bringen muss. Sondern dass sie durchaus in der Lage ist, sich völlig frei und selbst zu bewegen. Wir müssen nur lernen, sie zu lassen.